DooSie_Fragezeichen

Zur Diskussion gestellt: Willst Du gesiezt werden?

Das Du und das Sie – ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt, zuletzt 2010. Und auch heute in neuem Gewande: Wie wollen wir im Rahmen dieses MOOC-Maker Course mit Euch und untereinander umgehen? Was spricht für ein Du, was für ein Sie?

Das Sie als Ausdruck von “Wir kennen uns (noch) nicht.”

So habe ich es seinerzeit im Dorf gelernt bekommen. Deine Freunde und Nachbarn kennst Du hier schon. Du weißt, wer wie zu wem gehört, kennst deren Macken, weißt wo sie arbeiten, und meist sogar auch, was sie zu den entscheidenden Fragen des Lebens denken. Kommt jemand neues daher, so siezt Du ihn solange, bis Ihr Euch in oben beschriebenen Sinne näher kennt.

Das Du also auf Grundlage von (bestimmten) Informationen, die ich über mein Gegenüber habe. Dieses Konzept 1:1 ins Virtuelle zu übertragen, scheint mit jedoch schwierig, da Informationen über ein Gegenüber zu erhalten, nicht (mehr) notwendigerweise davon abhängt, dass diese mir das Gegenüber persönlich zur Verfügung stellt. Vielmehr gibt es mit Sicherheit einige Twitterer, die mir folgen (und ich ihnen im Gegenzug womöglich nicht), die im Verlaufe der Zeit wesentlich mehr über meine Ideen, Interessen, Einstellungen wissen, als manches Dorfmitglied von früher.

Weiß jemand gar nichts über mich und macht sich die Mühe, mal nach mir zu googlen und den einen oder anderen Text von mir (über mich?) zu lesen, so kann er sich innert kürzerster Zeit zu einem verdienten Du belesen…

Irgendwann aus meiner damaligen Heimat ausgezogen und an der Universität gelandet, lernte ich das nächste Konzept zur Unterscheidung zwischen Du und Sie kennen. Man hat das Wort Augenhöhe damals nur noch nicht so inflationär dafür benannt, ich glaube sogar, man hat die Idee gar nicht explizit gemacht:

Das Du als Audruck von “Egal wie und wer Du bist. Ich möchte (auf neuhochdeutsch) auf Augenhöhe mit Dir kommunizieren.”

Die Siebziger waren nun nicht mehr, als ich zur Uni ging, das waren vielmehr schon die Ausläufer der 80er. Da die gesamte Lehrendenschaft jedoch in den 70ern eingestellt worden war (und die jetzt fast alle gleichzeitig in Pension gegangen sind) UND es sich um das Fach Erziehungwissenschaften handelte, war es in den Seminaren recht gebräuchlich, sich mit den Dozenten zu duzen. Die Rechtswissenschaften und Wirtschaftswissenschaften hatten das “Problem” wohl nicht, hier kam ich aufgrund der Veranstaltungsgrößen ohnehin mit keinem der Dozenten jemals ins Gespräch.

Das Sie als Ausdruck von “Ich anerkenne die Hierarchie.”

Auf der Arbeit ein paar Jahre später erneut ein neues – überraschendes – Konzept. Ich arbeitete in einer Firma, in der es drei Hierarchieebenen gab. Während man sich innerhalb der Hierarchie-Ebene innert weniger Tage Anwärmzeit sofort zu duzen begann, war dies zwischen Menschen verschiedener Hierarchieebenen nahezu unmöglich. Besonders schwer hatten es jene, die irgendwann mal aufstiegen. Die mussten dann nämlich ihre alten Kolleginnen und Kollegen wieder siezen, um sich mit den neuen duzen zu können.

Befreundete man sich mit jemanden aus einer anderen Hierarchieebene, konnte man es auch noch so handhaben, dass man sich halt außerhalb der Firma duzte, auf Arbeit eben siezte. Was gar nicht so leicht ist, wie Ihr Euch vorstellen könnt.

Das Sie als Audruck von “Auch wenn wir verschiedener Meinung sind, wir werden dennoch zivilisiert argumentieren.”

Wann mir diese Art des Siezens untergekommen ist, weiss ich gar nicht mehr. Sie verwundert mich jedoch… gelinde gesagt… sehr. Sie ist Ausdruck der Angst, dass sollte sich ein Streit zwischen zwei Menschen entwickeln, der Umgang miteinander höflicher bleibt, solange sie sich gegenseitig siezen. Das ist zwar m.E. nicht so, denn ich hörte schon Menschen sehr verletzende Sachen sagen in siezend.

Andererseits … erlebte ich kürzlich in einem Rollenspiel, in dem sich eigentlich sich gegenseitig duzende Menschen siezen mussten, dass plötzlich die vorgebrachten Argumente fundierter wurden. Was – wenn dies so wäre – ja doch für das Sie im MOOC sprechen würde. ;)

Das Du als Ausdruck von “Wir pflegen eine uns eigene Kultur = die Netzkultur.”

So richtige Netzler sind geborene BarCamper, tragen Kapuzenpullis auch im Sommer und duzen sich. Das Duzen sozusagen als Ausdruck von gelebter Kultur, auch als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Community, die bestimmte Werte und Haltungen teilen. Aber unser MOOC richtet sich ja nicht nur an uns! :-) Sondern an einen viel diverseren Teilnehmerinnenkreis. Wir wollen auf gar keinen Fall im nerdigen Inner Circle stecken bleiben! Und von daher bin ich mir – wahrlich – unschlüssig, ob ich Euch in Blog-Artikeln wie diesem nicht doch besser siezen sollte.

Ihr sollet euch äußern via Kommentar. Offen und unbefangen. Ich werde lauschen, lesen und lernen.

Eure Orga-mons7

Comments
9 Responses to “Zur Diskussion gestellt: Willst Du gesiezt werden?”
  1. Anja Lorenz sagt:

    Hallo Sie, Frau @mons7, Frau @diegoerelebt und Herr @wittenbrink,

    Noch befinde ich mich oft in der Situation, in nichtvirtuellen Runden eher zu den Jüngeren zu gehören. Wenn man da frisch reinkommt ist es für mich immer schwierig, insbesondere wenn ich mitbekomme, dass die anderen sich Duzen. Ist das, weil die sich gut kennen, ist das weil das alle so machen… dann rede ich oft erst einmal im man-Passiv und hoffe, das der Andere mich auf die eine oder andere Art anspricht, und dann mache ich das einfach genauso.

    Aber was beim Digitalen? Und was bei #MOOCs? Rein gewohnheitsmäßig widerstrebt es mir, in Twitter zu Siezen. Das ist seltsam, klingt nach Marketing-Bot und ist zudem meist länger als die Du-Form. Den Blog würde ich allerdings eher zu Aufgabenstellungen oder Arbeitsblättern zählen, in denen sich gegenüber den Lernenden in formellen Szenarien das Sie irgendwie gehört, auch wenn wir Studenten sonst oft Duzen. In der Moderation der Live-Streams kommt es sicher darauf an, wie Ihr sonst zu den Vortragenden steht. Ich selbst tue mich immer schwer, Personen Ü50 oder Professoren zu duzen, eben nach ganz klassischer Erziehung.

    Im Zweifel ist ein Sie aber vielleicht am ungefährlichsten, es baut aber vielleicht auch eine hierarchische Ordnung mit Euch als Lehrende/Organisatoren auf, die Kommuniktion bremst. Habt Ihr mal den State-of-the-Art angeschaut? D.h. wie haben das andere Organisatoren deutschsprachigen MOOCs gemacht? (Die Frage ist vielleicht ein Grund, weshalb die ersten MOOCs englischsprachig waren ;) )

  2. Duzen oder Siezen?

    Ich persönlich bin überhaupt kein Freund des Siezens, ich lasse mich mit meinen 46 Jahren (noch) von jedem Duzen, Ausnahme bilden hier nur Schüler, da bin ich nicht mutig genug, mit den Konventionen zu brechen. Wer mich allerdings duzt, den duze ich zurück. Was ich ablehnte, wäre ein Freizeitduzen, also entweder/oder.

    Ich Sieze normalerweise erstmal Ältere, Vorgesetzte oder Personen die sonst irgendwie über mir stehen. Siezen hat für mich Distanz und und Abgrenzung zu tun. Im Netz duze ich fast immer, wenn ich bei Twitter gesiezt werde, finde ich das eher befremdlich.

    Es hängt für mich viel davon ab, wie ihr den Kurs seht. Steht Austausch peer to peer im Vordergrund, betrachtet ihr die Teilnehmer als Teilgeber, wollt ihr auf Augenhöhe kommunizieren, würde ich duzen.

    Seht ihr euch als Experten, die Lerninhalte Lernenden vermitteln, würde ich siezen.

    In ersterem Falle würde ich mir selbst euren Kurs näher anschauen, weil es dann eher ein Austausch wäre, in letzterem Falle wohl eher nicht.

    • Moin Maik,

      gut dass Du nachfragst, das gibt mir Gelegenheit, unser Selbstverständnis kurz zu erläutern (und später dazu auch noch zu bloggen):

      Wir sehen unseren MOOC durchaus mehr als Conference, denn als Course – als Austausch auf Augenhöhe mit TeilgeberInnen, um es in Deinen Worten zu sagen. Wir wollen selbst dazu lernen und betrachten unseren MOOC als eine Art Peer-to-Peer-University.

      Das bedeutet zum Beispiel, dass wir den Prozess der Experten/innen-Findung sehr offen gestalten. Wir haben diese Website an den Start gebracht, ohne eine einzige Person off the records angefragt zu haben, ob er/sie als ImpulsgeberIn oder Talkgast zur Verfügung steht. Wir sind offen für alle Vorschläge, wie sich jemand einbringen möchte. Und ganz im BarCamp-Stil soll auch noch zu Beginn und während des MOOC Raum für spontane Eingaben bleiben – so schwebt mir das Format Fishbowl-Talk vor – eine Live-Online-Diskussion als Google+ hangout on Air, zu der sich Teilnehmer/innen zuschalten lassen können, wenn sie wollen.

      Das alles beantwortet wahrscheinlich die Frage des Duzens – und die Deiner Bereitschaft zur Teilnahme/Teilgabe, oder? :-)

      Viele Grüße
      Dörte

  3. Joachim Wedekind sagt:

    ich komme altersmäßig ja vom anderen Ende als Anja, aber mir geht es manchmal ähnlich. Eigentlich Sieze ich ja nur Menschen, die mir unsympathisch sind – was nicht ausschließt, dass unter den von mir Geduzten es nicht auch Unsympathen gäbe ;-) aber wenn ich einfach losduze, kann ich nicht ausschließen, dass ein meistens deutlich jüngeres Gegenüber das als herablassendes Du empfindet und doch zurück Siezt.

    Im Netz ist Duzen einfacher und der (hoffentlich) hierarchielosen Kommunikation angemessen. Und in MOOCs, speziell den cMOOCs (und als solchen versteht ihr euren ja auch) gilt: Kommunikation/Lernen/Lehren auf Augenhöhe und dem ist das Duzen angemessen. Punkt.

    Gruß, Joachim

  4. Hallo Dörte,

    die Frage nach dem Duzen ist hiermit offiziell beantwortet :-)

    Als Lehrer an einem Berufskolleg sehe ich derzeit nicht wirklich großes Anwendungspotential für MOOC’s. Da ich aber gleichzeitig Teilzeitstudierender an der Universität Duisburg-Essen im Bereich Educational Media bin, interessiert mich das Thema durchaus sehr. Als Zukunftsvision könnte ich mir MOOC’s für Schüler durchaus landesweit als Blended Learning vorstellen. Im Bereich BWL, den ich unterrichte, könnte man Teile herausnehmen, kooperativ er- und bearbeiten und dann im Unterricht vertiefen. In den USA geht es wohl teilweise in diese Richtung. Bis Deutschland so weit ist, vergehen wahrscheinlich noch ein paar Jährchen.

    Was ich als Format genial finde sind Christian Spannagels Live-Diskussionen (Konferenzen?) “Dossenheim zu Kreidezeit”, bei denen man ja per Twitter teilnehmen kann und Twitter-Kommentare in die Diskussionsrunde zurückgemeldet werden. Google Hangouts finde ich ebenfalls großartig, wäre dann mein erster Fishbowl-Talk, vielleicht kann man auch da Twitter irgendwie integrieren.

    Insofern – auch aufgrund meiner grundsätzlichen Neugierde gegenüber mediengestützten Lehrverfahren – nehme ich ab Januar gerne daran teil, sofern ich es zeitlich hinbekomme. Ich bin schon mal gespannt.

  5. Joachim Sucker sagt:

    Ihr dürft mich duzen, obwohl ich 58 bin!
    ;-)

  6. @sibyllewuerz sagt:

    Liebe MOOCMAKER_innen,
    plädiere auch fürs Duzen. Als Trainerin und als Beraterin bevorzuge ich das “Sie”‘ , weil es helfen kann einen professionellen Abstand zu wahren und zum Teil zu inhaltsreicheren und fokusierteren Diskussionen beiträgt. Meiner Meinung nach funktioniert das gut, wenn es klar definierte Rollen für alle Beteiligten gibt. Diese klare Rollendefinition sehe ich bei dem geplanten MOOC noch nicht. Ich sehe uns eher auf grosser Expedition in einem Boot über den digitalen Ozean schippern. Alles ist Zwar super vorbereitet – Kompliment an euch – aber dennoch umweht vom Duft des grossen Abenteuers. Tja, und die, die miteinander im gleichen Boot sitzen, die duzen sich :-)
    Ahoi, Sibylle

  7. jupidu sagt:

    Hmmm, im Deutschen ist das immer lästig mit der Ansprache. Probiere mit meinen berusfbegleitend studierenden Master-Studierenden gerade eine neue Version aus: zwar Sie, jedoch Verwendung des Vornamens. Das macht die Sache allerdings auch nicht leichter, und immer wieder passieren Du’s und Ihr’s.

    Meiner Wahrnehmung nach ist es ein Zeichen von Respekt, die Studies zu siezen. Denn Sie kommen schwer aus, wenn ich als Lehrende das “Du” anbiete.

    Doch im MOOC sind wir doch alle Lernende – und niemand ist der Experte oder die Expertin, die alles wissen. Daher bin ich eindeutig für ein Du :-) Abgesehen davon, dass ich im Change11 MOOC viel lieber von und mit den anderen LernerInnen gelernt habe, als die ExpertInnen-Sessions anzusehen.

    Bin neugierig, wie sich das entwickeln wird, jupidu – alias Jutta Pauschenwein
    - Das kommt ja zur Du – Sie Diskussion dazu: soll ich meine Online Identität lüften?? Oder reicht auch “jupidu”?

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