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Wie wird ein MOOC ein MOOC? – Ein Rückblick auf die Woche 1

Die erste Woche stand in einem doppelten Sinn unter dem Motto “Wann ist ein MOOC ein MOOC?”: Fakten und Thesen zu dieser Frage bildeten das Thema der Woche, und gleichzeitig stellte uns der Kurs, den wir begonnen hatten, vor die Frage: Wie machen wir einen MOOC? Wann und warum ist dieser Kurs für uns ein MOOC? Es ist wohl wie beim Schach: Es gibt vereinbarte Regeln, es gibt theoretisches Wissen z.B. über die Eröffnung und es gibt die Frage nach dem richtigen nächsten Zug, die durch die Regeln und die Theorie nicht beantwortet wird, deren richtige Beantwortung immer auch vom Mitspieler abhängt, und bei der es immer auch um ein Spiel mit der Zeit geht.

In der ersten Woche haben wir die Regeln von MOOCs, vor allem von cMOOCs, kennengelernt oder rekapituliert. Erfahrungen mit MOOCs wurden ausgetauscht, Grundfakten zu verschiedenen MOOCS in einer MOOC-Matrix zusammengefasst. Wir haben begonnen, uns mit den Hintergründen von MOOCs und ihren Verwendungsmöglichkeiten zu beschäftigen. Gleichzeitig haben wir angefangen, das Spiel selbst zu spielen – wie bei jeder Interaktion war es auch für die, die MOOC-Erfahrung haben, nicht nur eine Wiederholung von Bekanntem, sondern das nächste erste Mal.

Für ein Resume ist es noch viel zu früh. In diesem Post möchte ich nur auf ein paar Aspekte hinweisen, die mir aus meinem Blickwinkel, dem des Web Publishing, wichtig erscheinen. Welche Konsequenzen hat es für einen MOOC, dass seine Teilnehmer im Web publizieren? Und: Wie spielen wir mit dem zeitlichen Ablauf der Kommunikation im gemeinsamen Raum MOOC?

Social Media und Medienkompetenz: Öffentliches Lernen

In den Regeln der cMOOCs (die etwas anderes sind als explizite Spielregeln) erkenne ich viele der Regeln wieder, die allgemein für soziale Medien gelten, und die sie wohl definieren:

  1. Es gibt keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Sendern und Empfänger, also Lehrenden und Lernenden: Alle haben dieselben Möglichkeiten, sich zu äußern und dieselben Tools. Alle können bloggen, twittern, Google+ und andere Plattformen verwenden. Es gibt keine zentrale Lernplattform, kein “Lernmanagement-System”.
  2. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verfolgen die Kommunikation über Informationsströme oder Feeds, die sie individuell abonnieren, und bei denen sie zwischen unterschiedlichen Formaten wählen. Wer teilnimmt, entscheidet selbst, welche Informationen sie bezieht. Twitter, das Abo des howtoMOOC-Blogs, Google+ und der Blog-Aggregator waren dafür bei uns wohl die wichtigsten Formate.
  3. Die Äußerungen der TeilnehmerInnen sind an deren persönliche Profile gebunden. Wer sich äußert ist erkennbar und wichtig. Durch die Kommunikation baut sich ein Netz von persönlichen Beziehungen auf, das die anderen TeilnehmerInnen und auch Nichtteilnehmer beobachten können.
  4. Die Kommunikation wird in einem Netz gefiltert und kontrolliert. Niemand kann von einer zentralen Position aus bestimmen, wie sie sich weiterentwickelt. Die OrganisatorInnen sind Facilitators, die eine Plattform zur Verfügung stellen, aber nicht die Regisseure.

Wenn das Lernen und Social Media-Kommunikation so stark ineinander übergehen, ist Medienkompetenz, sind Web Literacies eine Voraussetzung und ein Ergebnis des Lernens. Die Teilnehmerinnen müssen publizieren können, oder sie lernen das Publizieren mit sozialen Medien by doing. Sie müssen die Informationen filtern und organisieren können, die sie zu überschwemmen drohen (auch uns, die Organisatoren). Sie müssen sich vernetzen und kooperieren können. Bei dem in der Mozilla Foundation entwickelten Konzept der Web Literacies stehen drei Verben für diese Kompetenzen: create, explore und connect. In vielen Posts der ersten Woche tauchen Themen der Medienkompetenz auf. Wer einen MOOC, jedenfalls einen cMOOC, organisiert, kann diese Kompetenzen sicher nur selten bei den Teilnehmern voraussetzen. Mit dem MOOC zusammen muss er auch Möglichkeiten anbieten, die Tools zu üben mit denen man im MOOC arbeitet. Die unterschiedlichen Kompetenzen im Umgang mit Webmedien können einen Risiko für einen offenen MOOC sein: Was passiert, wenn sich eine In-Group von routinierteren Bloggern oder Twitterern herausbildet, die die übrigen Teilnehmer immer mehr in eine Zuschauerperspektive drängt?

Dringlichkeit und Spiel

Von einer Community und ähnlichen Online-Formaten unterscheidet einen MOOC zu einem guten Teil die Art und Weise, wie er zeitlich organisiert ist, man könnte auch sagen: wie die Interaktionen getimet sind. Martin Lindner hat gleich zu Beginn unseres MOOCS über die Dringlichkeit als Voraussetzung gelingenden Lernens geschrieben. Dringlichkeit hängt eng zusammen mit fehlender oder reichlicher, jedenfalls zur Handlung drängender Zeit.

Die zeitliche Organisation eines cMOOC ist, das zeigt schon die erste Woche unseres MOOC, extrem komplex. Synchrone und diachrone Kommunikation greifen ineinander. Wenige Daten sind fix vorgegeben – bei uns wie bei anderen cMOOCs spielt dabei der Wochenrhythmus die Hauptrolle. Innerhalb dieses Rhythmus organisieren die Teilnehmer ihre MOOC-Zeit selbst bzw. in kleineren Gruppen, die miteinander interagieren. Dabei benutzen sie potenziell alle Formate des Webpublishing mit deren jeweils eigenem Zeitcharakter: Tweets sind fast Echtzeit-Kommunikation; die Diskussionen in den Kommentaren von Blogposts und auf Google+ dauern Tage und länger; einiges von dem, was publiziert wird, soll auf Dauer bestehen und von möglichst vielen MOOC-Machern verwendet werden können.

Was macht den MOOC zum MOOC? Zu einem guten Teil wohl die gemeinsame zeitabhängige Interaktion. Die Organisatoren steuern die Erwartungen der Teilnehmer zuerst vielleicht alleine. Aber dann stimmen die Teilnehmer ihre Erwartungen miteinander ab. Das Erfüllen, das Überraschen und das Übertreffen der Erwartungen entscheiden dabei sehr stark mit, wie die Teilnehmerinnen den MOOC wahrnehmen. Andererseits füllt sich hinter uns liegende Zeit. Wir teilen sie miteinander.

Die Frage, was den cMOOC und den xMOOC unterscheidet, hängt mit der Organisation von Erwartungen zusammen. Bei einem cMOOC sind die Erwartungen notwendig unbestimmt. Niemand weiss vorab, was sie oder er lernen wird. Bei einem xMOOC ist wohl vor allem unbestimmt, wie und wie viel der einzelne Teilnehmer lernt. Was gelernt wird, ist vorher schon da.

Weil der MOOC abläuft und für die aktiven Teilnehmerinnen dringlich ist, beantworten alle, die aktiv mitmachen, die Frage, wann eine MOOC ein MOOC ist, anders als jemand, der ohne Dringlichkeit darüber reflektiert. Sie beantworten sie durch Aktionen, die bestimmen, auf welche Weise dieser MOOC ein MOOC ist. Sie entwickeln und sie teilen ein gemeinsames Verständnis des Kurses. Interessant ist dabei, dass in allen Äußerungen zum MOOC, in den Tweets und Blogposts, zwar immer wieder über MOOCs reflektiert wird, dass aber kaum irgendwo die Frage auftaucht, was zum MOOC gehört und was nicht. Der MOOC ist offen, aber es gibt ein Innen und Außen, wie bei anderen Kursen und Lehrveranstaltungen. Man bezieht sich – zum Beispiel durch das Hashtag #mmc13 – immer wieder auf den MOOC als ganzen und macht so deutlich, dass man die einzelne Handlung als Teil dieses Events oder in seinem Horizont versteht und vollzieht.

Wir organisieren also gemeinsam etwas Unerwartetes so, dass wir am Ende einen MOOC gemacht haben werden. Und obwohl wir wahrscheinlich sehr unterschiedlich auf die Frage antworten würden, was ein MOOC ist, wissen wir, was von dem, was wir gerade tun, zum MOOC #mmc13 gehört und was nicht.

Man kann einen MOOC auch als eine gemeinsame Aufführung oder einen gemeinsam geschriebenen Essay verstehen, deren Thema das Lernen ist. Das gemeinsame Event MOOC wird gespielt, wir inszenieren darin, wie wir miteinander umgehen. Darin besteht der Reiz dieser Ereignisses, deshalb macht es Spaß. Dass wir einen MOOC gemeinsam spielen können, ohne uns ständig zu fragen zu müssen, ob etwas darin richtig ist oder falsch ist, zeigt dabei, das wir etwas spielen, das wir nicht im Internet gelernt haben, das wir im Internet aber offenbar besonders gut spielen können.

Das spielerische Interagieren hat beim #mmc13 schon vor dem Start begonnen, z.B. mit den Jingles von A.J. Spang. Es drückt sich in vielen ironischen Tweets aus, und es führt dazu, dass auf einmal auch _Lurki_ und _Frau Pro.Krastina_ einen Hangout on Air verfolgen. Dringlichkeit und Entlastung gehören zusammen. Indem wir die Interaktionen für uns selbst inszenieren, durchschauen wir, wie wir an ihnen teilnehmen und können uns, wenn wir wollen, von ihnen distanzieren.

Comments
3 Responses to “Wie wird ein MOOC ein MOOC? – Ein Rückblick auf die Woche 1”
  1. Joachim Sucker sagt:

    Heinz,
    hier schnell ein Kompliment für Deine gelungene Zusammenfassung.
    Obwohl ich nicht richtig aktiv mitwirke (kein Blog oder ähnliches), fühle ich mich als Teil des MOOCs und nach der Lektüre Deiner Zusammenfassung weis ich auch warum.
    Als Lurker bin ich Beobachter. Es gibt nach der ersten Woche Punkte, da würde ich gerne aus dieser Rolle herausspringen. Dann taucht die Frage auf warum? Es ist doch schon so vieles gesagt. Wo ist die Bereicherung, dies mit eigenen Worten noch einmal zu schreiben?
    Ich lerne viel. Zaghafte Wünsche nach einem eigenen Blog, um evtl. Geistesblitze sofort mitteilen zu können, tauchen auf und scheinen an Dringlichkeit zu gewinnen. Das Thema Erwartungen bekommt so eine neue Perspektive. Ich erwarte weniger etwas von Euch, sondern mehr von mir. Werde ich mich orientieren können oder wird die Welle der Komplexität über mich hinwegrollen?
    Also beobachte (Lurker ist so ein hässliches Wort) ich weiter und werde viel über unser Lernen der Zukunft lernen.
    Dir nochmals vielen Dank.

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  1. [...] Woche 1 Rückblick / Heinz [...]

  2. [...] was es für mich nicht leichter macht, denn ich schiele ja doch vorher mal drüber. Auch die Gesamtzusammenfassung ist schon raus. Nur ich wieder. Entschuldigt bitte. Ich musste mich beim Schreiben diese Beitrags [...]



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